Montag, 4. Juni 2007

Erinnerungen

Ich verspüre irgendwie eine Lust, etwas in Erinnerungen zu graben.

Heute in der Pause unterhielt ich mich mit ein paar Mädels aus meiner Klasse über unsere frühere Schulzeit. Darüber, wie sehr wir damals die Schule verflucht hatten und was wir heute alles dafür geben würden, noch einmal die Schulbank drücken zu können ...

Ich wurde 1990 im Alter von sieben Jahren eingeschult. Ich trug eine fesche Kurzhaar-Frisur, ein blaues Kleidchen und schwarze Lackschuhe. Auf meiner Zuckertüte war Schneewittchen mit den sieben Zwergen abgebildet. Sie war so schwer, dass ich sie kaum alleine tragen konnte.
Die Einschulung fand in der großen Aula statt. Dort stand eine Bühne (auf der ich die nächsten vier Jahre die Auftritte mit meiner Schauspiel-Gruppe haben sollte ) Der Bühnenrand war wunderhübsch geschmückt mit Blumensträußen. Auf dem rechten Teil der Bühne hatte sich der Schulchor positioniert, der die Einschulungs-Zeremonie mit unterhaltsamen Liedern begleitete.
Auf der linken Seite der Bühne stand der Schuldirektor, Herr G., und nahm die kleinen, aufgeregten Kinder entgegen, stellte sie mit Namen der versammelten Lehrer-Eltern-und zukünftigen Mitschülerschaft vor, übergab ihnen die Urkunde und die Zuckertüte und schickte die freudestrahlenden Schulanfänger wieder zurück an ihren Platz. Irgendwann ertönte auch mein Name. Aufgeregt tapste ich zur Bühne. Natürlich war ich weder an der Urkunde interessiert, noch am Direktor mit dem feuchten Händedruck, sondern an der Zuckertüte! Und weil ich meine Augen nur auf den Zuckertüten-berg haftete, geschah was geschehen musste: Ich stolperte über so einen hübschen Blumenstrauß und legte mich der gesamten Lehrer-Eltern- und zukünftigen Mitschülerschaft zu Füßen ...

So stolperte ich also in die erste Klasse.

Klasse 1 d! Ich war einer von 22 zahnlückigen ABC-Schützen, stolz wie Oskar und neugierig auf das, was da kommen sollte! Doch meine Freude wurde bereits am ersten Schultag getrübt. Ich habe liebe, nette ältere Geschwister, die ihrer kleinen Schwester gerne Märchen erzählen, zum Beispiel, dass man in der Grundschule auch spielen kann, genauso wie im Kindergarten!
Als mein Vater mich am Ende des ersten Schultages abholen wollte, fand er eine kleine, verheulte Ruthy auf, welche enttäuscht jammerte: "Wir haben nicht ein einziges Mal gespielt!"

Das erste Schuljahr verlief ruhig und angenehm. Ich passte im Unterricht weitesgehend gut auf, fand neue Freunde und einen gefallen daran, in der Pause für meine Klassenkameraden Faxen zu machen. Eines Tages, es war glaube ich gerade Deutschunterricht, las uns unsere Lehrerin eine Geschichte vor. Ich war so gebannt, dass ich ganz vertieft auf einer Tintenpatrone herum kaute ... ich erinnere mich jetzt noch an diesen herben, metallenen Geschmack im Mund. Und an das Gelächter der Lehrerin, als sie das blaue Wunder sah...

In der zweiten Klasse war ich nicht mehr so eine brave Schülerin. Ich malte in meinen Schulbüchern herum (die meine Eltern für teueres Geld kaufen mussten), quatschte im Unterricht mit meiner Banknachberin Sindy, versteckte, zum Ärger der Lehrer, die Kreide oder wandelte mein Matheheft in eine Ziehharmonika um. In den Pausen galt ich als eine der wildesten, lautesten Schülerinnen überhaupt.

Ich erinnere mich auch an den Tag, als meine Banknachberin Sindy und ich auf dem Schulhof in der großen Pause Fangen spielten. Als "Haus", also der Ort, an dem man nicht abgeschlagen werden durfte, hatten wir die Gullideckel auserkohren. So flitzen wir also lachend und kreischend über den Hof und hatten viel Spaß. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem dieser Viertklässler in unser Spiel platzte und Sindy zu Boden sties. Empört über den Angriff auf meine Freundin, wollte ich diesem bösen Viertklässler auch einen Schubs verpassen. Er war zwar knapp ein Kopf größer als ich, aber das machte mir nichts aus. Ich ging also auf ihn zu und wollte ihn schubsen, doch meine Hand traf nicht seine Brust, sondern sein Gesicht. Ergebnis war ein wimmernder, zu Boden gesunkener Junge mit blutender Nase. Außerdem ein Anruf bei mir zu Hause, worauf meine Mutter in die Schule kam, um mich aus dem Sekteriat abzuholen ...


In der dritten Klasse passierte nichts aufregendes. Ich ging zur Schule, schwatzte im Unterricht und wirbelte in den Pausen über den Schulhof.

In der vierten Klasse aber überschlugen sich die Ereignisse. Eine gute Freundin und Mitschülerin von mir musste, da ihr Vater einen neuen Job bekommen hatte, wegziehen. Ich war sehr traurig darüber, da ich mit Stefanie viel Spaß in den Pausen hatte. Außerdem musste ich einmal den Flur des Speisesaals wischen, da meine Lehrerin mich gezwungen hatte, die gebratene Leber zu essen, welche auf meinem Teller lag. Ergebnis war, dass ich den Flur des Speisesaals mit runtergewürgter Leber vollspuckte. Als letzte Grundschul-Erinnerung blieb mir der letzte Auftritt mit meiner Schauspiel-Gruppe. Ich war der sechste von den sieben Zwergen und durfte Schneewittchen den Kamm aus den Haaren ziehen, den Gürtel durchschneiden und am Sarg stolpern. Ich war so stolz auf meine Rolle. Und meine Mama hatte mir auch versprochen, zum Auftritt zu kommen. Doch sie kam nicht. Sie sah mich nicht in meiner letzten und tollsten Rolle. Erst nachdem das Stück vorbei war und die lachenden Kinder in die Arme ihrer stolzen Eltern stürmten, kam meine Mama zur Tür herein. Sie wurde daheim wegen eines Anrufes aufgehalten, so hatte sie mir das erklärt. Trotzdem war ich an diesem Abend das traurigste Kind der Welt ...

Für die fünfte und sechste Klasse musste ich jeden Morgen mit dem Bus von meiner Stadt aus in das 4 Kilometer entfernte Nachbardorf fahren, wo sich meine neue Schule befand. Diese tägliche Busfahrerei erwies sich als anstrengend und nervig. Die neue Schule war nicht schön. Ein kaltes, graues, viereckiges Gebäude mit einem ebenso grauen Hof. Es gab an dieser Schule zwar einen Spielplatz, aber auf dem tobten immer die Sechstklässler herum. Und als kleiner Fünftklässler, so wie ich es war, traute man sich nicht dort hin. Die neue Schule brachte auch neue Lehrer. Strengere Lehrer. Lehrer, die einem verbaten, während des Unterrichtes auf die Toilette zu gehen (dafür gäbe es ja die Pausen). Lehrer, die einen kleinen Scherz am Rande entweder nicht verstanden oder ihn mit einer Mahnung versahen. Ich lernte an der neuen Schule auch neue Freunde kennen. Und auch meine erste große Liebe. Oder sollte ich lieber sagen: Meine erste große, geheime Liebe! Denn der süße, blonde Junge, der nebenbei auch mein Banknachbar war, wusste nichts von dem, was ich fühlte. Was ich fühlte waren Schmetterlinge im Bauch, wenn ich ihn ansah. Was ich fühlte, war eine seltsame Art von Hilflosigkeit und Tollpatschigkeit, wenn ich mit ihm redete. So kam es, dass ich ihm im Geometrieunterricht die Spitze meines Zirkels in den Oberschenkel stach und ihn auch einmal mit meinem Rucksack am Kopf traf, als ich ihn mir aufhockte.

In dieser besagten fünften und sechsten Klasse lernte ich neben neuen Freunden auch neue Feinde kennen. Denn in meiner neuen Klasse waren nur wenige bekannte Gesichter. Die meisten Kinder waren mir fremd. Und auch unsympatisch. So auch zwei Mädchen, Mandy und Nicole. Sie galten ohnehin schon als die zwei "gefürchteten Weiber". Und sie wurden ihrem Ruf alle Ehre. Wen sie sich auspickten, den machten sie nieder. Egal ob mit Worten oder Taten. Einem Jungen klebten sie ein Blatt an den Rücken auf dem Stand: Tret mich!. Klar, dass diese Aufforderung genutzt wurde, als der arme Junge über den Schulhof lief und ahnungslos erlebte, wie ihm einige kichernde Kinder ans Bein traten. Und wie es so kommen musste, hatten diese zwei "gefürchteten Weiber" auch eines Tages mich als Opfer ausgewählt. Wir hatten Kunstunterricht. Aufgabe war, ein Bild zu malen, auf dem das Meer zu sehen war. Ich malte also mein Bild. Da kamen Nicole und Mandy zu mir und lobten mich für meinen schönen Pullover. Ganz geheuer war mir diese plötzliche Zuneigung der beiden nicht. Und gerade rechtzeitig bemerkte ich, wie Nicole mit ein Blatt an den Rücken kleben wollte. Ich sties sie weg. Nicole und Mandy waren zwar sauer, dass ihr heimtückischer Plan nicht aufging, doch sie verzogen sich vorerst. In der Pause dann, bekam ich aber meine Abreibung. Natürlich lauerten die zwei Biester mir in der Schultoilette auf. Sie stiesen mich und zogen mir an den Haaren. Ich wehrte mich und konnte abhauen. Doch die Rache war mein! Nämlich dann, als der nächste Kunstunterricht stattfinden sollte:

Unsere Kunsterlehrerin teilte uns, während alle Kinder in der Pause waren, unsere Bilder aus und legte jedem sein Kunstwerk auf den Tisch. Ich kam als Erste nach der Pause in meine Klasse zurück. Ich wusste natürlich, wo Mandy und Nicole ihren Platz hatten. Und als die beiden auch aus der Pause zurück kehrten, fanden sie auf ihrem Bild einen dicken, fetten roten Strich vor. Quer von einer Seite des Blattes zur anderen. Der Tobsuchts-Anfall war groß, doch es passierte nichts. Ich denke mal, sie wussten, dass ich es gewesen war. Aber sie haben mich seit diesem Tag nie mehr in irgendeiner Form belästigt. Man legt sich eben nicht mit einer Ruthy an!


Für die siebte Klasse musste ich wieder meine Schule wechseln. Ich war wieder in einer neuen Klasse und wieder hatte ich neue Lehrer. Mein Vorteil aber war, das meine beiden großen Schwestern an die selbe Schule gingen. Sie klärten mich über Lehrer und ihre Eigenarten auf, beschützten mich Heldenhaft auf dem Schulhof vor bösen großen Jungs und begleiteten mich frühs zur Schule hin und manchmal, wenn der Stundenplan überein stimmte, zurück nach Hause.
Wieder hatte ich auch neue Klassenkameraden. Unter ihnen auch DIESEN Klassenkamerad, in den ich mich natürlich mal wieder verlieben musste. Matthias. Seine Augen leuchteten so grün wie das glitzernde Meer und sein Lächeln strahlte so schön, wie die Sonne. Er saß direkt vor mir. Manchmal drehte er sich herum und versuchte, ein Gespräch mit mir anzufangen. Natürlich bekam ich vor Aufregung nur selten ein Wort heraus. Meine eine Mitschülerin, Jenny, bemerkte natürlich, was sich da Abspielte. Und sie beschloss, etwas nachzuhelfen. Sie schrieb eine Menge Liebesbriefe, krixelte meinen Namen darunter und steckte sie ihm regelmäßig heimlich in den Rucksack. Bis zu dem Tag, an dem Matthias zu mir kam und mich vor der ganzen Klasse anmeckerte, ich solle aufhören ihn so zu belästigen. Natürlich fiel ich aus allen Wolken und hatte seit diesem Tag einen Hass auf Jenny.

Matthias begann mich zu ignorieren. Er drehte sich nicht mehr um, lächelte mich nicht mehr an, sagte kein Wort mehr zu mir ... kurz um, für ihn war ich Luft! Sogar noch luftiger als Luft! Dies deprimierte mich natürlich sehr. Ich fand Trost bei meiner damaligen besten Freundin Sindy.

Und dann, als ich in die achte Klasse ging, kam die freudige Nachricht: Matthias hatte mir verziehen! Er redete wieder mit mir, drehte sich wieder um, lächelte mich wieder an ... ich schwebte auf Wolke 7! Die Zeit in der achten Klasse verging ohne großartige Vorkommnisse. Auch die Neunte und die Abschlussklasse brachte ich ohne Auffälligkeiten hinter mich. Ich verließ die Schule mit einem Gesamt-Notendurchschnitt von 2,3.

Heute sitze ich in der Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin, im zweiten Lehrjahr. Ich habe bereits zwei Vor-Ausbildungen hinter mich gebracht und wieder jede Menge neue Erfahrungen und Erinnerungen gesammelt. Die Schulzeit, die ich damals an manchen Tagen so verfluchte, die vermisse ich heute. Jedoch ... wenn ich ehrlich bin, hätte ich die Möglichkeit, noch einmal zurück zu tauchen in die erste Klasse und alles noch einmal zu erleben ... ich würde es nicht machen. Es ist, auch wenn es nicht immer lustig war, gut so, wie es ist! Ich habe mich zu einer recht anständigen jungen Frau entwickelt (hust hust), habe verschiedene Typen von Menschen kennen gelernt und eine eigene Meinung aufgebaut, zu der ich stehe.
Doch in einem habe ich mich seit meiner Einschulung nicht verändert ...
heute, so wie damals, falle ich im Unterricht durch irgendwelche Albereien auf ...
Tja, Scherzkekse zerkrümeln eben nicht so schnell!



Comments:
"Tja, Scherzkekse zerkrümeln eben nicht so schnell!"

Cooler Spruch, muss ich mir merken! ^^

War bei mir nie anders. Von Einschulung bis Abiball. Naja, was ich schade finde ist, dass man, je älter man wird, immer schräger angeguckt wird wenn man seine Albernheit von damals behält. Ist wohl nicht "in" seinen Humor, bzw. ...naja wie soll ich sagen? Wenn man halt ein bisschen kindisch, blöd albern, wie auch immer bleibt. Man muss ja immer gleich cool erwachsen tun. Naja mir egal...denn ich tus nicht!

"Mach dein Ding! Steh dazu! Heul nicht rum wenn andere Lachen!" (Dirk Felsenheimer)

Ich sag mir immer:
"Du musst hier nicht dazu gehören,
aber such Dir was zu Dir gehört!"

Oder:
"Es tut weh so zu sein wie Du solltest, aber es tut gut so zu sein, wie du denkst, dass Du möchtest!"

Ist nicht ganz allein auf meinem Mist gewachsen, aber drückt sehr gut aus was ich mein^^

Auch wenns nicht ganz zum Thema passt, aber das musst ich gerade irgendwie mal loswerden...weil ich gut finde wenn es so ist wie Du sagst. Nämlich das du der Scherzkeks von damals geblieben bist. Also mach weiter so und lass dir von den griesgrämigen Krümelmonstern nichts erzählen ;-)...Du Keks
 
Sagte ich schon mal, dass ich anonyme Kommentarschreiber sehr suspekt finde? ;-)

Übrigens... "Seine Augen leuchteten so grün wie das glitzernde Meer" ... grün ?! Meer ?! Da musste ich spontan an so eine Algenplage in der Adria denken... *g*

Schön ist, dass man beim Lesen automatisch auch ein wenig an die eigene Grundschulzeit denkt.

;-)
 
Immer dieses Klischee-Denken, dass das Meer blau ist.. :P
 
Ja, wurde schon erwähnt, dass anonyme Kommentarschreiber nicht allseits beliebt sind...aber wie oben schon gesagt: "Mach dein Ding! Steh dazu!" :-P Außerdem bin ich nicht wirklich anonym. Bin mir sicher, dass zumindest eine auf diesen Seiten verkehrende Person, um die sich all das hier außerdem auch dreht, mein Dasein abseits dieser Anonymität kennt. Und solange mir dieser Jemand nicht sagt, dass ich unerwünscht bin...
hab ich immer noch dieselben Rechte wie Du xmyrxn und darf machen, wozu ich lustig bin *g*. Ich für meine Seite finde zum Beispiel deinen Nutzernamen sehr sehr merkwürdig^^ Also lieber ein schlichtes "anonym" da stehen haben, als son Buchstabensalat :-P

Desweiteren wollt ich noch meinen Senf zu der Farbe des Meeres abgegeben haben. Und zwar muss hier wohl mal gesagt werden, dass es an einigen sehr warmen Orten dieser Welt echt von Natur aus türkises bis ja sogar manchmal fast grünes Meer zu sehen gibt, ohne dass es von Algen geplagt ist. ;-) Sondern einfach durch die geringe Tiefe des Wassers, der überaus reinen und hellen Farbe des darunterliegenden Sandes und der starken Sonneneinstrahlung die die Farben des Meeres und des Sandes für unser menschliches Auge dann in eine solch schöne Farbe vermischt.
Das ist ja das schöne an der Natur...immer wieder für atemberaubende Anblicke zu haben.

So...das soll nu reichen...will ja nicht, dass die Namenlosen bald auch noch wegen ihren ständig zu langen Beiträgen gedisst werden :-P

In diesem Sinne
der Anonyme
 
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